k.l.a.s. 2004 (the 10th year)
 

Wunschloses Unglück
von Peter Handke 
 

Unter der Rubrik Vermischtes stand in der Sonntagsausgabe der Kärntner »Volkszeitung« folgendes:

»In der Nacht zum Samstag verübte eine 51jährige Hausfrau aus A. (Gemeinde G.) Selbstmord durch Einnehmen einer Überdosis von Schlaftabletten.«

Peter Handke 'Wunschloses Unglück'

Peter Handke, einer der wichtigsten und bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller wurde 1942 in Altenmarkt / Gemeinde Griffen geboren und verbrachte dort den Großteil seiner Jugend.

k.l.a.s. nimmt das 10jährige Bühnenjubiläum auf der Heunburg zum Anlass, sich dem Dichter zu widmen, der unmittelbar vor unserer Haustüre aufgewachsen ist und diese Geschichte, die sich unmittelbar vor unserer Haustüre ereignet hat, zu erzählen.

Im Frühjahr 1972 schreibt Handke in 'Wunschloses Unglück' die Lebensgeschichte seiner Mutter nieder, die im Herbst 1971, nur 51 jährig, den Freitod gewählt hat. Seine Erzählung bringt uns eine starke und zugleich sehr zerbrechliche Frau näher, die an ihrer nicht ganz freiwillig gewählten familiären und sozialen Umgebung zerbrach.

Handke beschreibt in 'Wunschloses Unglück' auch die Geschichte eines Landstriches und dessen Menschen in einer Zeit, die noch nicht Vergangenheit und exemplarisch für ein ganzes Land, für eine ganze Generation ist.

'Vergiss nicht, dass ich immer für dich da bin. ... Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht dein Bild in die Hand nehme und mit dir Zwiegespräche halte, und es vergeht keine Stunde, in der nicht meine Gedanken bei dir verweilen. ...'

Maria Handke an ihren Sohn

Wunschloses Unglück
aus der Erzählung


Schreiben
Es ist inzwischen fast sieben Wochen her, seit meine Mutter tot ist, und ich möchte mich an die Arbeit machen, bevor das Bedürfnis, über sie zu schreiben, das bei der Beerdigung so stark war, sich in die stumpfsinnige Sprachlosigkeit zurückverwandelt, mit der ich auf die Nachricht von dem Selbstmord reagierte. Ja, an die Arbeit machen: denn das Bedürfnis, etwas über meine Mutter zu schreiben, so unvermittelt es sich auch manchmal noch einstellt, ist andrerseits wieder so unbestimmt, daß eine Arbeitsanstrengung nötig sein wird, damit ich nicht einfach, wie es mir gerade entsprechen würde, mit der Schreibmaschine immer den gleichen Buchstaben auf das Papier klopfe.


Griffen
Meine Mutter hieß Maria und wurde vor über fünfzig Jahren im gleichen Ort geboren, in dem sie dann auch gestorben ist. Was von der Gegend nutzbar war, gehörte damals der Kirche oder adeligen Grundbesitzern; ein Teil davon war an die Bevölkerung verpachtet, die vor allem aus Handwerkern und kleinen Bauern bestand. Die allgemeine Mittellosigkeit war so groß, daß der Kleinbesitz an Grundstücken noch ganz selten war. Praktisch herrschten noch Zustände von vor 1848, gerade daß die formelle Leibeigenschaft aufgehoben war.


Anschluß
»Wir waren ziemlich aufgeregt«, erzählte die Mutter. Zum ersten Mal gab es Gemeinschaftserlebnisse. Selbst die werktägliche Langeweile wurde festtäglich stimmungsvoll, »bis in die späten Nachtstunden hinein«. Endlich einmal zeigte sich für alles bis dahin Unbegreifliche und Fremde ein großer Zusammenhang: es ordnete sich in eine Beziehung zueinander, und selbst das befremdend automatische Arbeiten wurde sinnvoll, als Fest. Die Bewegungen, die man dabei vollführte, montierten sich dadurch, daß man sie im Bewußtsein gleichzeitig von unzähligen anderen ausgeführt sah, zu einem sportlichen Rhythmus - und das Leben bekam damit eine Form, in der man sich gut aufgehoben und doch frei fühlte.


Krieg
Und so die erste Liebe: zu einem deutschen Parteigenossen, der, im Zivilberuf Sparkassenangestellter, nun als militärischer Zahlmeister ein bißchen etwas Besonderes war - und bald auch schon in andere Umstände gebracht. Er war verheiratet, und sie liebte ihn, sehr, ließ sich alles von ihm sagen. Sie stellte ihn den Eltern vor, machte mit ihm Ausflüge in die Umgebung, leistete ihm in seiner Soldateneinsamkeit Gesellschaft. »Er war so aufmerksam zu mir, und ich hatte auch keine Angst vor ihm wie vor anderen Männern.«


Berlin
Ein maskenhaftes Gesicht - nicht maskenhaft starr, sondern maskenhaft bewegt -, eine verstellte Stimme, die, ängstlich um Nicht-Auf-fallen bemüht, nicht nur den andern Dialekt, sondern auch die fremden Redensarten nachsprach -»Wohl bekomm's!«, »Laß deine Pfoten davon!«, »Du ißt heute wieder wie ein Scheunen-drescher!« -, eine abgeschaute Körperhaltung mit Hüftknick, einen Fuß vor den andern gestellt … das alles, nicht um ein andrer Mensch, sondern um ein Typ zu werden: von einer Vorkriegserscheinung zu einer Nachkriegserscheinung, von einer Landpomeranze zu einem Großstadtgeschöpf, bei dem als Beschreibung genügte: groß, schlank, dunkelhaarig.


Griffen
Anders als in der Stadt war sie hier stolz, daß sie Kinder hatte, und zeigte sich auch mit ihnen. Sie ließ sich von niemandem mehr etwas sagen. Früher hatte sie höchstens ein bißchen zurückgeprotzt; jetzt lachte sie die anderen einfach aus. Sie konnte jeden so auslachen, daß er ziemlich still wurde. Vor allem der Ehemann wurde, sooft er von seinen vielen Vorhaben erzählte, jedes mal so scharf ausgelacht, daß er bald stockte und nur noch stumpf zum Fenster hinausschaute. So unterbrach sie auch die Kinder, wenn die sich etwas wünschten, indem sie sie auslachte; denn es war lächer-lich, ernstlich Wünsche zu äußern. Inzwischen brachte sie das dritte Kind zur Welt.


Ehe
Im Winter die Arbeitslosenunterstützung für das Baugewerbe, die der Mann fürs Trinken ausgab. Von Gasthaus zu Gasthaus, um ihn zu suchen; schadenfroh zeigte er ihr dann den Rest. Schläge, unter denen sie wegtauchte; sie redete nicht mehr mit ihm, stieß so die Kinder ab, die sich in der Stille ängstigten und an den zerknirschten Vater hängten. Hexe! Die Kinder schauten feindselig, weil sie so unversöhnlich war. Sie schliefen mit klopfendem Herzen, wenn die Eltern ausgegangen waren, verkrochen sich unter die Decke, sobald gegen Morgen der Mann die Frau durch das Zimmer stieß. Sie blieb immer wieder stehen, trat einen Schritt vor, wurde kurzerhand weitergestoßen, beide in verbissener Stummheit, bis sie endlich den Mund aufmachte und ihm den Gefallen tat: »Du Vieh! Du Vieh!«, worauf er sie dann richtig schlagen konnte, worauf sie ihn nach jedem Schlag kurz auslachte.


Wiederaufbau
Der Mixer, der Elektroherd, der Kühlschrank, die Waschmaschine: immer mehr Zeit für einen selber. Aber man stand nur wie schrecksteif herum, schwindlig von dem langen Vorleben als bestes Stück und Heinzelmännchen. Auch mit den Gefühlen hatte man so sehr haushalten müssen, daß man sie höchstens noch in Versprechern äußerte und sie dann sofort überspielen wollte. Die frühere Lebenslust des ganzen Körpers zeigte sich nur noch manchmal, wenn an der stillen, schweren Hand verstohlen und schamhaft ein Finger zuckte, worauf diese Hand auch sofort von der anderen zugedeckt wurde.


Politik im Nachkriegs-Kärnten
Nun interessierte sie sich auch für die Politik, wählte nicht mehr die Partei ihres Bruders, die der Ehemann als dessen Bediensteter ihr bis jetzt immer vorgewählt hatte, sondern die Sozialisten; und mit der Zeit wählte auch ihr Mann sozialistisch, im Bedürfnis, sich an sie anzulehnen. Sie glaubte aber nie, daß die Politik ihr auch persönlich helfen könnte. Sie gab ihre Stimme ab, als Gunst, von vornherein, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. »Die Sozialisten kümmern sich mehr um die Arbeiter« - aber sie selber fühlte sich nicht als eine Arbeiterin.


Schmerzen
Der Kopf dröhnte so, daß sie ihn nur noch ganz sanft mit den Fingerspitzen berührte. Der Arzt gab ihr wöchentlich eine Spritze, die sie eine Zeitlang betäubte. Dann richteten auch die Spritzen nichts mehr aus. Der Arzt sagte, sie solle den Kopf warm halten. So ging sie immer mit einem Kopftuch herum. Trotz aller Schlafmittel wachte sie meist schon nach Mitternacht auf, legte sich dann das Polster auf das Gesicht. Die Stunden, bis es endlich hell wurde, machten sie noch den ganzen Tag hindurch zittrig. Vor Schmerzen sah sie Gespenster. Der Mann war inzwischen mit Lungen-tuberkulose in einer Heilanstalt; in zärtlichen Briefen bat er sie, wieder bei ihr liegen zu dürfen. Sie antwortete freundlich.


Schreiben
Sie wollte keinen Menschen mehr sehen, setzte sich höchstens ins Gasthaus unter die Leute aus den Touristenbussen, die es zu eilig hatten, ihr ins Gesicht zu schauen. Sie konnte sich nicht mehr verstellen; hatte alles von sich gestreckt. Jeder, der sie ansah, mußte wissen, was los war. Sie fürchtete, den Verstand zu verlieren. Schnell, bevor es zu spät sein würde, schrieb sie zum Abschied noch ein paar Briefe. Die Briefe waren so dringlich, als hätte sie versucht, sich selber dabei in das Papier zu ritzen. In dieser Periode war das Schreiben für sie keine Fremdarbeit mehr wie sonst für Leute in ihren Lebensumständen, sondern ein vom Willen unabhängiger Atmungsvorgang.

Man konnte freilich mit ihr über fast nichts mehr sprechen; jedes Wort erinnerte sie wieder an etwas Schreckliches, und sie verlor sofort die Fassung. »Ich kann nicht reden. Quäl mich doch nicht.« Sie wendete sich ab, wendete sich noch einmal ab, wendete sich weiter ab, bis sie sich ganz weggedreht hatte. Dann mußte sie die Augen zumachen, und stille Tränen rannen nutzlos aus dem weggedrehten Gesicht.


Meer
Im Hochsommer fuhr sie für vier Wochen nach Jugoslawien. Die erste Zeit saß sie nur im verdunkelten Hotelzimmer und tastete sich den Kopf ab. Lesen konnte sie nichts, weil die eigenen Gedanken sofort dazwischenkamen. Immer wieder ging sie ins Badezimmer und wusch sich. Dann traute sie sich schon hinaus und watete ein bißchen im Meer. Sie war zum ersten Mal in den Ferien und zum ersten Mal am Meer. Das Meer gefiel ihr, in der Nacht war oft Sturm, dann machte es nichts, wenn sie wach lag. Sie kaufte einen Strohhut gegen die Sonne und verkaufte ihn am Abfahrtstag zurück. Die Kopfschmerzen hörten auf. Sie mußte an nichts mehr denken, war zeitweise ganz aus der Welt. Es war ihr angenehm langweilig.


Griffen
Zu Hause zurück, redete sie seit langem wieder ungefragt. Sie erzählte viel. Sie ließ es zu, daß ich sie auf ihren Spaziergängen begleitete. Wir gingen oft ins Gasthaus essen, sie gewöhnte sich an, voraus einen Campari zu trinken. Der Griff an den Kopf war fast nur noch ein Tick. Es fiel ihr ein, daß sie vor einem Jahr in einem Cafe sogar noch von einem Mann angesprochen worden war. »Aber er war sehr höflich!« Im nächsten Sommer wollte sie nach Norden, wo es nicht so heiß war.


Briefe
»Ich kann es im Haus nicht aushalten und so renne ich halt irgendwo in der Gegend herum. Nun stehe ich etwas früher auf, das ist die schwierigste Zeit für mich, ich muß mich zu irgend etwas zwingen, um nicht wieder ins Bett zu gehen. Ich weiß jetzt mit meiner Zeit nichts anzufangen. Es ist eine große Einsamkeit in mir, ich mag mit niemandem reden. Ich habe oft Lust, am Abend etwas zu trinken, aber ich darf nicht, denn dann würde die Medizin nichts nützen. Gestern bin ich nach Klagenfurt gefahren und den ganzen Tag herumgesessen und gelaufen, dann habe ich am Abend den letzten Omnibus gerade noch erwischt.«

Im Oktober schrieb sie überhaupt nicht mehr.


Tod
Im eigenen Haus saß sie dann mit dem jüngsten Kind vor dem Fernsehapparat. Sie schauten sich einen Film aus der Serie» Wenn der Vater mit dem Sohne« an.

Sie schickte das Kind schlafen und blieb bei laufendem Fernseher sitzen. Am Tag vorher war sie noch beim Friseur gewesen und hatte sich maniküren lassen. Sie schaltete den Fernseher aus, ging ins Schlafzimmer und hängte ein zweiteiliges braunes Kleid an den Schrank. Sie nahm alle Schmerztabletten, mischte ihre sämtlichen Antidepressiva darunter. Sie zog ihre Menstruationshose an, in die sie noch Windeln einlegte, zusätzlich zwei weitere Hosen, band sich mit einem Kopftuch das Kinn fest und legte sich, ohne die Heizmatte einzuschalten, in einem knöchellangen Nachthemd zu Bett. Sie streckte sich aus und legte die Hände übereinander. In dem Brief, der sonst nur Bestimmungen für ihre Bestattung enthielt, schrieb sie mir am Schluß, sie sei ganz ruhig und glücklich, endlich in Frieden einzuschlafen. Aber ich bin sicher, daß das nicht stimmt.


Wut
Hinter der Friedhofsmauer begann sofort der Wald. Es war ein Fichtenwald, auf einem ziemlich steil ansteigenden Hügel. Die Bäume standen so dicht, daß man schon von der zweiten Reihe nur noch die Spitzen sah, dann Wipfel hinter Wipfel. Zwischen den Schneefetzen immer wieder Windstöße, aber die Bäume bewegten sich nicht. Der Blick vom Grab, von dem die Leute sich rasch entfernten, auf die unbeweglichen Bäume: erstmals erschien mir die Natur wirklich unbarmherzig. Das waren also die Tatsachen! Der Wald sprach für sich. Außer diesen unzähligen Baumwipfeln zählte nichts; davor ein episodisches Getümmel von Gestalten, die immer mehr aus dem Bild gerieten. Ich kam mir verhöhnt vor und wurde ganz hilflos. Auf einmal hatte ich in meiner ohnmächtigen Wut das Bedürfnis, etwas über meine Mutter zu schreiben.


Erlösung
Dann wieder etwas sehr Heiteres: ich habe geträumt, lauter Dinge zu sehen, deren Anblick unerträglich weh tat. Auf einmal kam jemand daher und nahm einfach das Schmerzhafte von den Sachen, wie einen Anschlag, der nicht mehr gilt. Auch der Vergleich war geträumt.


 


Plakat-Sujet 2004